Zungenstellung und ihr Einfluss auf die Resonanz – und Registerfunktion

In letzter Zeit hatte ich die Möglichkeit, mir alte Filmaufnahmen von Tenören aus der Schellack-Zeit (von Caruso bis in die 40er Jahre) anzuschauen.

Solche alten Dokumente zu studieren erweist sich vom technischen Aspekt her sehr aufschlussreich, weil man einen Eindruck von sängerischen Traditionen bekommt, unabhängig von der Herkunft der jeweiligen Sänger.

Als erstes kann man feststellen, dass unter der Phalanx grossartiger Tenorstimmen viele Deutsche zu finden waren, gleichzeitig erfährt man, dass auch viele durch die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit ins Ausland auswandern mussten – eine Entwicklung, deren Auswirkung wir, was die Sängertradition angeht, heute noch zu spüren haben.

Da die Kamera sehr nahe an die Sänger heran kann, sind wir in der Lage, deutlich die technischen Vorgänge zu studieren: ins Auge fällt die Zungenposition, die bei nahezu allen Sängern identisch ist: sie bildet den Bogen der ng-Position, d.h.,, die Spitze berührt die unteren Schneidezähne, während die Zungenränder an die oberen Backenzähne heranreichen.

Ng-Position oder flache Zunge?

Wenn man diese Filmausschnitte aus dem Zeitraum von gut vierzig Jahren verfolgt und immer wieder eine ähnlich charakteristische Zungenposition sieht, kommt die Frage auf, was diese Zungenposition bewirkt und warum bei uns dagegen sooft die flache Zunge gelehrt wird?

KimViele Sänger kennen die extreme Übung, wo die Zunge sogar mit einem Löffel (!) nach unten gedrückt wird, um sie in der flachen Position zu halten.

Nur wenn man von der Vorstellung ausgeht, dass ein grosser Mundraum, aus dem die Zunge eben „entfernt“ werden muss, zu einem grossen Klang führt, kann man diese Technik vertreten.

Wir wissen doch aber, spätestens seit man diesen Vorgang sogar filmen kann, dass durch das Runterdrücken der hinteren Zunge der gesamte Rachenraum verengt wird, und der Schall nicht mehr den Nasenresonanzraum erreicht, der gut siebzig Prozent des gesamten Resonanzraumes ausmacht: der Sänger singt somit an seinem wirklichen Klang vorbei.

Daher haben viele Sänger der alten Traditionen immer diese ng-Position gewählt, die eine freie Kehle mit geweitetem Ansatzrohr gewährleistet.

Unterschiedliche, lebenswichtige Funktionen des Kehlkopfes

Da der Kehlkopfbereich nicht nur für das Singen, sondern auch noch für zwei weitere lebenswichtige Funktionen – das Atmen und die Nahrungsaufnahme – zuständig ist, scheint dieser Region besondere psychologische Aufmerksamkeit zuzukommen, die daher auch vielen Manipulationen zum Opfer fällt.

Es wird mir in meiner Arbeit immer deutlicher bewusst, wie sehr die Zungenmuskulatur, die ja mit dem Kehlkopf verwachsen ist, nicht nur die Artikulation, sondern sogar die Registermischung und die Entscheidung über das Stimmfach beeinflusst.

Warum wird die flache Zunge gelehrt?

Wenn wir erkennen, wie sehr die Zungenmuskulatur die ganze Stimmgebung verändern kann und sehen können, mit welchen Mitteln ganze Sängergenerationen dagegen angehen, ergibt sich doch die Frage, warum die flache Zungenposition immer wieder gelehrt wird?

Die einzige Erklärung kann sein, da die Stimme in dieser Funktion dicker und dunkler klingt – sie behauptet also einen professionellen Klang, der eigentlich aus dem Zusammenschluss von Resonanzräumen und Körper kommen sollte, dass auf diese Weise eine Stimme schnell „gross“ gemacht werden soll. Sie hört sich für den Sänger selbst auch gross an, nur vermisst sie die Tragfähigkeit im grossen Raum.

Sollte es so sein, dass auch hier der Schnellebigkeit unserer Zeit Tribut gezollt wird, indem versucht wird, eine Stimme schnell zu einer Reife zu bringen, die ihr innerlich noch gar nicht gehört?

Wahrhaftig ist das Erlernen der ng-Position der Zunge ein langwieriges Unterfangen, weil so jeder Vokal ein neues Gefühl bekommt, das mit den Wahrnehmungen aus der Sprechstimme nichts mehr zu tun hat: die Vokale erhalten einen viel grösseren Raum und eine andere Position – was gewöhnungsbedürftig ist.

Beispiele aus der Arbeit

Einer meiner Studentinnen war in ihrer ersten Audition gesagt worden, sie klänge zu alt. (Da war sie aber noch nicht einmal 20!)

Als wir die Arbeit aufnahmen, war ich lange unsicher, was die Bestimmung des Stimmfaches anging, bis ich sie einmal eine geschlagene Stunde alle Übungen mit heraushängender Zunge singen lies, um den hinteren Teil der Zungenmuskulatur, auf den wir gar keinen willkürlichen Zugriff haben, aus der Kehle wegzubekommen: auf diese Weise wurde der Druck von den Stimmbändern selbst genommen, die Kehle erhielt die nötige Weite, und so etablierte sich ein grosser, jugendlich dramatischer Sopran, was sich in der Registermischung in der Tiefe und dem Einmischen der Pfeifstimmfunktion über dem as“ bewies.

Natürlich kann man nicht mit heraushängender Zunge auf der Bühne stehen, um die Kehle frei zu halten, die Zunge muss also irgendwie „verstaut“ werden, ohne die Kehlweite zu beeinträchtigen: die einzige Möglichkeit bleibt daher die ng-Position als „Heimat“ der Zunge.

Ein weiterer Student von mir verfügt über einen ungewöhnlich warm und dunkel timbrierten Bass, wobei die Stimme aber immer über dem cis‘ ins Falsett wegbrach und er auch in seiner gesamten hohen Lage keine sauberen Vokalformen mehr etablieren konnte.

Auch hier zeigte das Lösen des Zungengrundes aus der Kehle erstaunliche Veränderungen: in dem Moment, wo er die Zunge aus der Kehle weghalten konnte, war er mühelos fähig, saubere Vokale in jeder Lage zu singen, und die hohe Lage inegrierte sich vollständig in den Stimmklang – das einzige Problem war dann noch, dass es ihm selbst so ungewöhnlich schien, dass die Töne, die immer weggebrochen waren, plötzlich so selbstverständlich wurden.

Auch als ich selbst in meiner Arbeit mit David Jones mir das Heldentenorfach eroberte, war ein wichtiges Augenmerk die Arbeit an der Zunge: ich hatte über Jahre mit dem Druck der Zunge auf den Kehlkopf die Baritonfarbe der Stimme in der Mittellage zu halten versucht (das Herunterdrücken des Kehlkopfes dunkelt die Stimme ab), und als diese Zunge schliesslich den Raum frei gab, war es diese Mittellage, die eine vollkommen neue Farbe bekam und auf deren Basis sich die Höhe eigentlich von selbst ergab. Das Ganze wurde von mir als regelrechter Befreiungsschlag erfahren.