Stimmfächer – Zwischenfächer und Fachwechsel

_Unterricht5Geprägt durch die Schallplattenindustrie, unterliegen die Stimmfächer heute einer viel regideren Unterscheidung als früher, und man muss als Lehrer sehr genau hören können, wenn es sich um Zwischenfächer handelt, die sich nicht so ohne Weiteres dem Ohr erschliessen.

Gerade das Erarbeiten solcher Zwischenfächer, das Enthüllen des echten Timbres, oft ein schwieriges Thema für dramatischere Stimmen, ist eine erfüllende Arbeit – nicht zuletzt, weil ich sie selbst durchlaufen habe.

Die Frage, ob jemand ein Bariton oder ein Heldentenor ist, war schon von jeher prekär und wurde immer zu Recht mit Vorsicht behandelt. Meine eigene Erfahrung zu diesem Thema ist, das ich den Eindruck habe, das sich niemand so richtig an das Stimmfach des Heldentenors heranwagt, weil es das echte Fach so wenig gibt und man daher mit den Gesetzmässigkeiten solch einer Stimme keine Erfahrung hat, und deshalb lieber bei der Arbeit mit dem vertrauteren Baritonklang bleibt.

Das hat fatale Folgen.

Ich selbst habe im Chor zweiten Bass gesungen, habe als Bariton studiert und am Ende meiner Ausbildung mit dem ehemaligen Intendanten der Berliner Staatsoper, Prof. Ehrhard Fischer, die ersten Siegmund-Szenen der „Walküre“ erarbeitet. Da Fischer kurz darauf verstarb, verwaiste meine Arbeit, denn ich war keineswegs in dem Fach gefestigt, geschweige denn, dass ich mich auf ein Vorsingen hätte vorbereiten können.

Baritonale Beschränkungen

Als Bariton hatte ich Probleme mit der Intonationssicherheit, die Aussage eine Wiener Agenten: „Sie klingen in der Höhe nicht wie ein Bariton, so kann ich Sie nicht vermitteln!“ – bestätigte die Richtung meiner Arbeit, war aber keine Hilfe – ich wusste, das die Höhe nicht baritonal klingt, wusste aber nicht, wie ich das ändern sollte, ohne gnadenlos abzudunkeln.

Auch die Aussage des Dirigenten im Abschlusskonzert eines Meisterkurses bei Arturo Sergi 1992 – ich sang die Grafen-Arie aus Mozarts Figaro – „das hohe fis geht so nicht!“ – konnte ich mir erst viel später erklären, auch er konnte nicht sagen, wie es denn ‚gehen‘ soll.

Heute weiss ich: ich konnte dieses fis einfach ganz offen singen – fern der dunklen, gedeckten Höhe, wie man sie von einem Bariton hören will. Zu der Zeit war mir das nicht klar, ich fühlte mich als Sänger unsicher, unfertig und angreifbar, weil ich wusste, etwas stimmt nicht, ich hatte aber keinen deutlichen Weg und Lösungen.

Die Frage des Stimmfaches blieb immer in der Schwebe, und als ich 2003 David L.Jones traf und wieder in die Rolle des Lernenden ging, war die Stimmfachfrage Thema unserer Arbeit.

Er hielt sich mit einer Äußerung zunächst zurück und ließ die Stimme sprechen, die nun immer dunkler und mächtiger wurde, weil ich sie immer größer und sicherer führen konnte. Für mich sah es so aus, dass ich mich immer mehr von der Klangvorstellung des Heldentenors entfernte, aber trotzdem immer mehr in meine sängerische Kraft kam, bis er eines Morgens vor dem Unterricht sagte: „Andreas, ich habe da gestern etwas gehört in deinem Klang, das kann nicht sein für einen Bariton. Du bist ein Heldentenor!“

Von diesem Moment an veränderte sich unsere Arbeit total und ich konnte körperlich und psychisch spüren, dass das, was sich da jetzt vollzog, seine Richtigkeit hatte, weil die Stimme in ihre ureigene Ordnung gelangte. Dies war in erster Linie eine körperliche Wahrnehmung.

Die Mittellage des Heldentenors

In der Vergangenheit bin ich immer der Meinung gewesen, ein Heldentenor, wenn er aus dem Bariton kommt, ist in der Lage, sich noch ein paar Töne mehr in der Höhe zu erarbeiten, ich machte aber jetzt eine ganz andere Erfahrung: das Heldentenorfach ist keine Weiterführung des Baritons, es hat schon an sich eine völlig anders geartete Energie, die sich mit dem kleinsten Ton äußert. Wir arbeiteten auch gar nicht an der Höhe, sondern die Mittellage bekam eine völlig neue Färbung, aus der heraus die Höhe fast von selbst kam.

Ich erinnere mich noch deutlich an meine ersten Übemomente in diesen Unterrichtszeiten: ich stand vor dem Spiegel und hatte ein Gefühl, das ich aus der Kindheit her kannte – das Gefühl einer runden Körperlichkeit mit der Gewissheit, alles zu können. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl erfüllte mich, das eine ungeheure sängerische Energie entfachte.

Unterschiede zum Bariton

„Heldentenöre werden nicht geboren, sie werden gemacht – aber keiner macht sie mehr wie früher!“ – Lauritz Melchior

Ein Heldentenor unterscheidet sich in der inneren und äußeren Physiognomie deutlich vom Bariton.

Äußerlich zeigt der Heldentenor oft ein anderes Erscheinungsbild: die Gesichtsstruktur ist gerne geprägt von deutlichen „Sängerbäckchen“, was dem ganzen Gesicht einen jungenhaften Ausdruck verleiht, während der Bariton oft eine viel markantere männliche Gesichtsstruktur aufweist.

Die Kehlkopf-Stimmbandebene muss eine andere Struktur aufweisen, nur so ist zu erklären, warum die eigentliche Arbeit in der Mittellage stattfinden muss: die Registermischung ist hier eine ganz andere – der helle strahlende Klang mit einem deutlichen Vordersitz muss bis auf das kleine -c- hinuntergezogen werden. Dies ist nur möglich durch das vollkommene Lösen der Zungengrund- muskulatur, die durch ständigen Druck auf den Kehlkopf eben versucht, den dunkleren Baritonklang in der Mittellage herzustellen. Ohne diesen Druck stellt sich hier eine völlig neue Registermischung ein.

Ganz neue Erkenntnisse gewann ich über den Stellenwert des passaggios: deutsche Stimmen sind gewohnt, die Mittellage ralativ schwer zu führen, um dann die Höhe zu ‚decken‘, was oft den dunklen, hupenden Klang und Schwierigkeiten mit der hohen Lage mit sich bringt.

Das passaggio

Im passaggio schaltet die Stimmuskulatur von einer schweren Funktion auf eine leichtere, die eine höhere Schwingungsfrequenz ermöglicht. Dieser Vorgang ist für den Sänger deutlich zu spüren, das geübte Ohr hört den Unterschied auch von außen.

Der Heldentenor beginnt dieses „Umschalten“ oft schon auf dem kleinen -a- und bewegt sich in diesem Bereich mindestens bis zum f ‚.Das passaggio wird als akustische Veränderung wahrgenommen: die Vokale werden geschlossen, bei vollkommen offengehaltener Kehle. Während nun der Bariton die Vokale bis in seine Höhe geschlossen hält, kann der Heldentenor sie ab fis‘ wieder öffnen: dies gibt die strahlende Höhe auf der Basis einer starken Mittelstimmfunktion.

Diese Funktion kann bis b“ sicher geführt werden.

Für mich war das Betreten des Klangraums über dem hohen – g- das Erschliessen einer neuen Stimmerfahrung: für diesen Raum sagte David Jones lachend zu mir:“wether he flys or not!“

Diese Töne sind in der Halsregion überhaupt nicht zu spüren, und man kann sie vor allen Dingen selbst nicht richtig hören. Sie entweichen so in den akustischen Raum, das der Sänger immer das Gefühl hat, sie genügen nicht – und damit macht er sie kaputt, weil er sie dann nachschiebt und verbessern will.

Diese Lage muss man also ertragen lernen – es gibt keinen einzigen Muskel der Halsregion, den man hier bewusst helfend einsetzen kann. Es passiert alles auf der Stimmbandebene und der Körper muss das Ganze halten können. (Siehe Artikel: Das Appoggio und die deutsche „Stütze“)

Durchflutet wird man dabei von einer ungeheuren Energie, die ein Kennzeichen der Klangkraft dieses Faches sind.