Kommunikation mit einem Pianisten

In den Vorsingtrainings der open classes gibt es immer wieder einen sensiblen Moment für die Sängerinnen und Sänger, der sehr sorgfältig geübt werden muss:

Die Kommunikation mit dem ihnen meist fremden Pianisten.

Nachdem lange an einem Stück selbst und mit dem vertrauten Lehrer gearbeitet wurde, ist in dieser Situation jetzt plötzlich jemand Neues dabei, dem man seine musikalischen Absichten in kürzester Zeit erläutern muss.

Die Zeit vor der Zeit

Die Sänger nehmen diese ‚Zeit vor der Zeit‘ oft nicht ernst genug, kann sie doch über das Gelingen oder Missglücken eines Vorsingens mitentscheiden.

Sebastian-JarrkoIn der Audition hat man, wenn man Glück hat, vor dem eigentlichen Vorsingen Zeit, um mit dem Pianisten eine kurze Absprache zu treffen. Oft ist auch diese Zeit nicht gegeben, und es bleibt nur der kurze Moment vor dem Anfang: hier muss man also so effektiv wie nur möglich agieren können.

Es ist die Aufgabe des Sängers, eine freundliche,kollegiale Atmosphäre herzustellen, weil er den Pianisten braucht und nicht umgekehrt. Sollte ein reifer Pianist das für einen unsicheren jungen Sänger übernehmen, kann dieser sich dafür hinterher gerne bedanken.

Noten

Die Übergabe des Notenmaterials bestimmt schon die Art und Weise der Kommunikation: der Pianist braucht sauber vorbereitete Noten, vom Original muss eine Kopie angefertigt werden, damit er nicht blättern muss. Diese Kopien müssen unbedingt geklebt und auf dickerem Papier (120g) kopiert sein, damit sie besser auf dem Notenpult stehen können.

Es liegt völlig im Interesse des Sängers, gut vorbereitetes Notenmaterial zu haben, denn wenn z.B. einzelne Blätter während des Vortrages runterfallen, muss der Pianist aufhören zu spielen – das irritiert den Sänger, nicht ihn.

Tempi

Für das Einzählen des Tempos sollte sich der Sänger Zeit nehmen – in der Vorsingsituation hat man meistens einen höheren Puls und zählt daher gerne schneller ein – also erst einmal atmen, und das Stück mit innerem Ohr hören. Es ist besser, das Metrum an einer Stelle abzunehmen, die nicht am Anfang steht, weil sich hier das Tempo etabliert hat.

Nicht-Klassiker müssen unbedingt lernen, einen off-beat einzuzählen: die Qualität des Einzählens wirkt sich auf die rhythmische Präsenz des ganzen Stückes aus. Für das Stück selbst gilt, dass je mehr Absprachen – Tempi, Atempausen, Fermaten, Wiederholungen etc. – in den Noten vermerkt sind, umso mehr davon auch im Ernstfall realisiert werden wird. Es nützt nichts, wenn man den Pianisten eine Weile vorher mit unzähligen Anmerkungen überfällt, die dieser beim Vortrag zur Hälfte schon wieder vergessen hat.

Literaturauswahl

Hier ist eine kleine Anmerkung zur generellen Literaturauswahl vonnöten: im klassischen Bereich gibt es eine lange Aufführungs- und Interpretationstradition der Vorsingliteratur, man weiss im Prinzip, wie es „gemacht“ werden muss, und der Sänger hat einen speziellen Standard zu erfüllen.

In den anderen Bereichen gibt es viel größeren Spielraum: Schauspieler müssen heute bei nahezu jedem Vorsprechen auch Vorsingen, hier will man sehen, was der Kandidat für einen Umgang mit seiner Singstimme hat, und daher muss im Vorfeld geklärt werden, ob überhaupt ein Pianist anwesend ist, oder ob man ein a-capella-Lied singen muss.

Stücke, die eine grosse Absprache mit dem Begleiter erfordern, weil es viele Tempowechsel gibt, oder man individuelle Interpretationen verwirklichen will, eignen sich nicht für diese Situation, besser sind Stücke, deren Abfolge offensichtlich, für alle Beteiligten entweder bekannt oder verständlich ist.

Jeder Sänger muss bedenken, dass eine Begleitung, wird sie mit Akkordsheets gespielt, bei jedem Kollegen anders klingen kann. Je sicherer man also in seiner musikalischen Vorstellung ist, umso besser kann sich der Pianist anpassen.

Die Achtung der Arbeit des Anderen

Ein Sänger sollte immer signalisieren, dass er die Arbeit des Anderen achtet, er hat hier eine künstlerische Persönlichkeit vor sich, die genauso sensibel wie er selbst reagieren kann. Es darf daher nicht passieren, dass der Sänger den Pianisten – sei es auch aus Nervosität oder Unsicherheit – „nur“ als Begleiter „benutzt“ und ihn herumkommandiert. Musikalische Arbeit kann nur aus gegenseitigem Respekt entstehen und ein Problem muss aus dieser Achtung heraus kommuniziert werden. Wenn der Pianist sich verspielt, wird das vom Sänger nicht kommentiert, wenn er gut bei sich ist, kann er den Fehler sogar auf sich nehmen – es merken eh alle, wer ihn gemacht hat.

Der Beginn

Wenn der Vortrag beginnen soll, sehe ich immer wieder das leidige Kopfnicken der Sänger zum Begleiter hin – mit der Intention ‚jetzt kann es losgehen!‘. Dies kann aber sehr kontraproduktiv werden: der Sänger muss sich darüber klar werden, dass er auch als Sänger ohne Kostüm in einer Bühnensituation steht und eine Bühnenfigur ist.

Die Absprache mit dem Pianisten erfolgt als Privatperson, dann nimmt er sich zurück und lässt die Bühnenfigur entstehen. Er muss daher sehr genau wissen, was er in diesem Moment denken muss, um die Figur entstehn zu lassen.

Wenn ich in diesem Moment dann dem Begleiter freundlich zulächle, falle ich wieder in die Privatperson zurück und breche aus der Rolle aus, gerade in dem Moment, wo die Musik beginnt. Viel sicherer ist es, wenn man nach der Kommunikation in Position geht, den Kopf ein wenig senkt und sich sammelt – das Öffnen zum Auditorium hin ist das Zeichen, dass der Sänger die Figur etabliert hat, der Pianist kann sehen und fühlen, dass der Sänger bereit ist.