Belcanto – Erfahrung und Wahrnehmung

„The rules of study that we apply to our vocal development are not imposed upon us; on the contrary, they are formed from centurys of observation of the natural behaviour of those parts of the body that are used in singing.“ – Jussi Björling, 1940

Ich unterrichte seit 1989 Gesang und habe mich seitdem ausführlich mit der Tradition des Belcanto beschäftigt. Dabei waren meine eigenen Erfahrungen und Annäherungen im Studium  eher zwiespältig. Belcanto war etwas, was in alte Zeiten gehörte, man bei uns im Allgemeinen „nicht mehr macht“, und überhaupt hatte es oft einen zweifelhaften, stimmschädigenden Ruf, weil es zu sehr „auf das Material“ ginge.

_Andreas-angepasst Dabei konnte niemand eigentlich genau erklären, was genau die Merkmale der Belcanto-Technik sind, es kursierten höchstens fragmentarische Geschichten von sehr einseitigen Übungen, die aber als überholt galten. Der Begriff wurde immer mit einer bestimmten Sängertradition und musikalischen Epoche verbunden, nie aber mit technischen Merkmalen. Es wurden immer bestimmte Ergebnisse als ‚Belcanto‘ bezeichnet, nie aber der Weg dorthin beschrieben. Ich erinnere mich an eine Situation zu Beginn meines Studiums, als wir uns im Jahrgang im Theorieunterricht einmal gegenseitig vorsangen, und ein asiatischer Kollege, der einige Jahre in Italien ausgebildet worden war, stimmgewaltig eine Arie sang, unser Dozent wissend nickte und meinte, dies nun sei die alte italienische Belcanto-Technik. Wir anderen Studenten waren beeindruckt von der Stimmkraft und hatten das Gefühl, wir machen beim Singen irgend etwas anders, wir klingen nicht so, aber was der Kollege jetzt anders machte, blieb unbeantwortet. Daher will ich an dieser Stelle versuchen, einige Kriterien der Technik des Belcanto zu beschreiben.

Eine Tradition aus generationenübergreifender Beobachtung

Die Merkmale des Belcanto, wie ich sie verstehe, wurden nicht irgendwann erfunden, sondern entwickelten sich sich aus einer über Generationen währenden minutiösen Beobachtung der körperlichen Vorgänge, die am Singen beteiligt sind. Diese Beobachtungen waren erstmal an die italienische Sprache, südlichen Geist und Klima gebunden. Diese Grundvoraussetzungen muss man berücksichtigen: die italienischen Vokale zum Beispiel sind viel geschlossener  als die deutschen, die in ihrer Vokalgebung immer zur Breitspannung neigen, was zur Folge hat, dass die Stimmbänder auseinandergezogen werden. (Dies ist die Ursache der verdickten Mittellage, die deutschen Stimmen oft eigen ist.) Auch ist es eine Tatsache, dass der Südländer generell einen besseren Umgang mit seinen Abdominals und seiner Beckenbodenmuskulatur hat.

Die Behandlung der Vokale wird im passaggio und im cuperto eine Bedeutung bekommen, der Umgang mit der höchst privaten Muskulatur der unteren Körpermitte ist entscheidend für die Atemführung und somit die Phrasierung.

Merkmale der Stimmbildung

In meiner Arbeit mit Vertretern der alten italienischen Technik konnte ich immer wieder feststellen, dass sich der Stimmklang von einer deutschen Stimme weg zu etwas anderem entwickelte – oder besser, ich lernte zum erstenmal zu unterscheiden, dass es tatsächlich einen typischen deutschen Klang und einen italienischen gibt, der mit Technik zusammenhing, und nicht nur mit nationaler Eigenart.

Wollen wir nun einige Merkmale beschreiben:

Die „ng“- Zungenposition

Erstes technisches Merkmal ist die Position der Zunge: die alte italienische Schule lehrte schon immer die ’ng‘-Position der Zunge (wie beim italienischen ‚che‘ oder bei ’singen‘), d.h., die mittleren Zungenränder berühren die oberen Backenzähne, die Zunge beschreibt also einen leichten Bogen, wobei die Zungenspitze an den unteren Schneidezähnen ruht. Durch moderne wissenschaftliche Untersuchungen wissen wir heute, warum das schon immer gelehrt wurde: mit der Kamera kann man heute filmen, dass sich bei einer flachgehaltenen Zunge der hintere Teil der Zungenmuskulatur in den Kehlraum drückt und diesen nahezu verschliesst. Das Ansatzrohr wird also verengt. Diese Zungenposition ist gerade für deutsche Sänger gewöhnungsbedürftig, weil sie den Vokalen eine viel geschlossenere, dunklere Farbe gibt.

Leider wird bei uns immer noch häufig die flache Zungenposition gelehrt, wohl aus der Überlegung heraus, dass in einem großen Mundraum auch ein großer Klang entsteht. Wir wissen aber, dass dieser große Klang hinter der Zunge in der geöffneten Kehle entsteht, und die Kamerauntersuchungen haben das bestätigt.

Das „u“ als Grundvokal

Das „u“ ist der Grundvokal der Stimmbildung, weil er der Kehlöffner per se ist, wenn er richtig in der „ng“-Position gebildet wird. Auch kann ich hinter allen anderen Vokalen das ‚u‘ immer ahnen, sowohl als Klang, wie auch in der generellen Mundstellung, die daher stets eine ovale sein muss.

Wieder ist für deutsche Stimmen mit ihrem Hang zur Breitspannung hier grosse Aufmerksamkeit vonnöten, weil die Gewohnheit der Vokalbildung der Muttersprache so mächtig ist.

Das cuperto

_Unterricht2Die italienische Schule kennt den bei uns üblichen Begriff des „decken“ nicht, der aber aus dem begriff ‚cuperto‘ abgeleitet ist: dieses Wort ist im Italienischen veraltet und kann mit ‚bedeckt‘ übersetzt werden.

Die deutsche Technik hat daraus eine muskuläre Beeinflussung der Höhe gemacht, es ist aber immer nur eine akustische Alteration gemeint gewesen.

Eine cuperto- Übung dient dazu, in der Höhe die Stimmbänder zusammenzuhalten, und nicht durch den ansteigenden Atemdruck auseinanderzusprengen, indem man in der Lage ist, dort eine Randkantenfunktion zu etablieren, die aber immer noch eine Verbindung zur Vollstimme behält, d.h., besonders bei Männerstimmen, nicht ins Falsett zu gehen, aber einen äusserst geschlossenen Ton auf „u“ anzusetzen, den ich in einer Tonleiter bis in die tiefste Brustfunktion führen kann.

Diese Art von Übungen sichern die absolute Höhe, weil die Stimmbänder so in die Luft gebettet und nicht von ihr bedrängt sind.

Das passaggio

Ein Begriff, den ich in meiner Ausbildung nie klar vermittelt bekommen habe, und den ich heute für die wichtigste Funktion – besonders der Männerstimme – halte, deren Beherrschung über die Gestaltung der echten Höhe entscheidet.

In der deutschen Technik wird immer vom „bruch“ gesprochen, ungefähr auf e’/f ‚,(Männer, Frauen eine Oktave höher). Wenn ich diesen Bruch in einer Stimme höre, habe ich aber lediglich die Gesetze des passaggios nicht beachtet, die schon vorher (b,h,c) beginnen. Im Bereich des passaggios (b-e‘ ungefähr) findet die grösste Veränderung in der Art der Schwingung der Stimmbänder statt. In diesem Bereich schaltet die innere Stimmbandmuskulatur von der schweren Vollschwingung auf eine leichtere Teilschwingung – für höhere Töne werden schnellere Schwingungen benötigt, daher wird die Masse reduziert. Da Männer einen grösseren Kehlkopf als Frauen haben, müssen sie fünfmal soviel Muskelmasse bewegen, daher ist das Umschalten der Schwingungsarten bei ihnen auch viel schwerwiegender.

Ein gut trainiertes Ohr kann diese Veränderung, eine Verschlankung des Kerns, genau heraushören.

Inalare la voce

Bedeutet wörtlich „die Stimme einatmen“, wir kennen auch den Begriff „die Stimme trinken“. Beides beschreibt ein Konzept, mit dem ich in der Lage versetzt werde, die Luft von den Stimmbändern wegzuhalten, indem in die Ausatmungsfunktion eine Einatmungstendenz geschaltet wird. Das Bild, dabei die Stimme zu „trinken“ statt sie hinauszutreiben, ist sehr hilfreich und ergibt wiederum einen spezifischen Klang.

Neben anderen sind diese Aspekte wichtige Angelpunkte meiner Studioarbeit geworden, weil die Erfahrung zeigt, dass mit ihrer Hilfe die Stimme auf eine absolut sichere technische Basis gestellt wird, die auch in allen Stressituatuionen (Vorsingen, Aufnahmeprüfung,etc…) verlässlich und abrufbar bleibt.

Jeder Kandidat, der auf der Suche nach einem guten Gesangslehrer ist, und sich von der Werbung „unterrichte belcanto-Technik“ angesprochen fühlt, sollte nachfragen können, inwieweit der betreffende Lehrer diese Merkmale umsetzt:

  • „u“ als Grundvokal zum Öffnen der Kehle
  • „ng“-Position der Zunge, die dieses ‚u‘ perfekt bilden lässt, weil der hintere Kehlraum offen bleibt
  • cuperto – Sicherung der echten Höhe
  • passaggio als wichtigster Umschaltplatz auf dem Weg in die Höhe
  • inalare la voce – Grundlage einer ausgeglichenen Registerbalance