[Andreas Talarowski] [Kontakt] [Empfohlene Seiten] [Arbeitsethos des Studio] [Impressum] [feedback] [English version]

Gesangsunterricht

Geschichte

News

Vorsingen

Technik

Schauspielergesang

Belten

Appoggio

Stimmfächer

Klangstandard

Aggression

Stimmcoaching

Stimme und Körper

Männer und Singen

belcanto

cross-over

Kommunikation

legato

Technik-Inhalt

Der "ring"

Zungenstellung

solar-lunar

coaching II

Studiohauptseite
 
 
 
Belten
 
 
 
 
 
Immer mehr Sängerinnen und Sänger, die zum Unterricht in mein Studio kommen, interessieren sich für das belten, sei es aus persönlicher oder beruflicher Interesse.
Als belten bezeichnet man einen bestimmten Gesangsstil, der im Musical,Jazz - und Popgesang eingesetzt wird.
Gerade für Schauspieler, deren Arbeit sich in den letzten Jahren sehr in den Musikbereich geöffnet hat, ist dieses Thema unumgänglich geworden.
Leider herrscht in Deutschland immer noch Unklarheit über die Herangehensweise und technische Beschreibung, was belten letzten Endes eigentlich ist.
Die Lehrmethoden sind sich nicht einig, ob es eine andere Registerarbeit, eine gänzlich andere Technik oder einfach eine besondere stimmliche Begabung ist.
Die Erfahrung meiner Studioarbeit zeigt,daß in letzter Zeit immer mehr Sängerinnen aus dem professionellen Bereich mich mit dem Anliegen kontaktieren: ich stehe auf der Bühne und singe meine Sachen, aber eigentlich weiß ich nicht, was genau ein gesunder belt ist. Kann eine intuitive Herangehensweise beschrieben werden, und was sind ihre Merkmale?
 
Was ist es nicht?
 
Einfacher ist es daher, aus meiner langen Unterrichtspraxis heraus zu benennen, was es garantiert nicht ist:
Entgegen der in Deutschland verbreiteten Meinung ist belten niemals ein Hochziehen der Bruststimme. Jede Verlagerung und Missachtung der Gesetze der Registergrenzen einer Stimme wirkt sich stimmschädigend aus und bedeutet eine Gefahr für die Belastbarkeit des künstlerischen Instruments.
 
In erster Linie ist das belten ein Thema der Frauenstimme, da die Männer im Musical immer noch klassisch orientiert klingen, während von den Frauen ein sehr anderer Stimmklang gefordert wird.
Dies wird schon in der Tessitura der Musicalpartien deutlich: Frauenrollen, die den belt verlangen, sind deutlich tiefer geschrieben als entsprechende klassische Partien, also in einer Lage, wo die normale Frauenstimme nicht ihre höchste Durchschlagskraft hat. Die Domäne der Frauenstimme nun ist die Mittelstimmfunktion, und um den spezifischen Klang zu erreichen, ist es notwendig geworden,in diese Mittelstimmfunktion viel Brustresonanz hineinzumischen. Es geht hier also darum, deutlich zwischen Register und Resonanz zu unterscheiden.
 
Belten als stilistische Arbeit
 
Belten ist also eine Frage der stilistischen Arbeit, die in erster Linie von Frauenstimmen gefordert wird, ist eine Mittelstimmfunktion mit deutlicher Dominanz der Brustresonanz und daher keine Registerverschiebung.
Eine echte Bruststimmfunktion sollte niemals über d' geführt werden, während eine Mittelstimmfunktion mit deutlicher Brustresonanz ohne weitere bis d'' geführt werden kann. Bei Beherrschung des Instruments ist es möglich, dieses Klang bis e'' oder f'' und sogar noch höher zu ziehen.
Eine gesunde, belastbare Technik ist hier Grundvoraussetzung und ist meiner Erfahrung nach nur mit einer klassischen Grundlage gegeben. Alles andere sind stilistische Fragen: so wie ein Trompeter morgens im Sinfonieorchester proben kann, kann er abends im Jazzkeller spielen - die Trompete selbst bleibt aber die Gleiche, mit ihren gleichen Gesetzen.
 
Auch der Stimmapparat unterliegt Gesetzen der Anatomie, der Akustik und der Muskulatur. Eine Stimme kann sich erst an das belten heranwagen, wenn sie gelernt hat, die Kehle bedingungslos offen zu halten. Jegliche Manipulation mit der Zungen-oder Halsmuskulatur, um einen bestimmten sound zu erzeugen, ist dabei kontraproduktiv und endet im gnadenlosen Forcieren.
Da man dieser Gefahr schnell unterliegt, weil man nur das Ergebnis sehen will, ist diese Form der Stimmgebung gefährlicher als die klassische, jedoch unnatürlich ist sie nicht, im Sinne eines Kunstproduktes, das der Stimmfunktion abgerungen wird: gesunde Kinderstimmen belten und bewegen sich ebenfalls in der Mittelstimme und nicht in der Kopfstimme.
Die Stimmbildung in der italienischen Tradition kann daher als massgeblich gelten, weil es die gesündeste Art ist, eine Stimme auf die Hochleistung eines Berufes vorzubereiten. Auch ist das Klangideal des belcanto - die Mittelstimmdominanz - der Ansatzpunkt, von wo aus sich der Musicalklang auf gesundem Wege ableiten kann.
 
Klassisches Training als Grundlage
 
Ich halte meine Schülerinnen an, in sauberer technischer Arbeit den klassischen Klang nicht zu vermeiden, weil die Registerkreuzung und Registerverblendung( und auch in dieser Reihenfolge) der gesündeste Weg zum Erarbeiten einer belastbaren Stimme ist, und es nicht darum geht, mit irgendwelchen Mitteln ein angestrebtes Ziel zu behaupten, welches der Körper in diesem Moment überhaupt noch nicht halten kann.
An dem Punkt der Mittelstimmdominanz trennen sich dann auch die Wege, weil der Musicalklang dann nicht in die reine Kopfstimmfunktion geht, wie es im klassischen Stimmideal der Fall ist. Natürlich ist man auch gut beraten, darauf zu höhren, was die eigene Stimme sagt, d.h., welchen anatomischen Gesetzen sie folgt: eine Stimme, die von sich aus sehr früh mühelos ins Kopfregister schaltet, ist nicht so fürs belten geeignet wie eine, die von Natur aus eine deutliche Brustresonanz durch alle Lagen hat.
 
Neben dieser anatomischen Eignung ist belten also eine Frage der Registermischung und somit in erster Linie stilistische Arbeit.
 
Einige funktionale Dinge
 
Grundlage der technischen Arbeit ist die Maxime:die Registerkreuzung geht der Registermischung voraus. Wobei das Kreuzen der Register(also das Springen zwischen zwei Registerfunktionen)schon ein Merkmal des nicht-klassischen Klanges an sich ist.
Wenn wir ein Register kurz als eine bestimmte muskuläre Schwingungsart, die in einem definierten Tonbereich gleicht bleibt,beschreiben, liegt es nahe, daß diese unterschiedlichen Arten der Stimmlippenfunktion erst einmal isoliert trainiert und in ihrer Tätigkeit gestärkt werden müssen.
Dies tue ich, indem ich die Mittelstimme isoliert in die Tiefe führe, ohne daß die Bruststimmfunktion helfend eingreift. Das tut sie immer dann, wenn die Sängerin spürt, daß die tiefe Mittelstimmfunktion sich dem "Loch" der Frauenstimme (um c´-e´)nähert, wo die Tonproduktion nicht mehr adäquat gewährleistet ist.
Das liegt daran, daß die Anfangstöne eines Registers immer schwach sind,wobei die obere Grenze des Registers immer die größte Stärke in der Tongebung aufweist.
Da die Literatur aber genau in dieser unteren Lage einen intensiven Klang fordert, weichen viele Sängerinnen dort in die Bruststimmfunktion aus, die sich hier eben an ihrer oberen Grenze bewegt, und somit die gewünschte Strahlkraft hat.
Dies hat aber immer eine Verschiebung der Registergrenzen zur Folge, wobei der Bruch der oberen starken Bruststimmfunktion in die schwächere Mittelstimmfunktion immer deutlicher wird, weil er immer mehr nach oben verschoben wird. Im Extremfall wird die Bruststimme bis h´hochgezogen, was aber zur Folge hat, daß sie dann hilflos auseinanderbricht und die Stimme in die Kopffunktion fällt - die Stimmbänder weichen vor dem zu hohen Luftdruck aus - also das Mittelregister vollständig ausgespart wird.
Die Muskelfunktion des unteren Mittelregisters kann aber ohne weiteres gestärkt werden, was der Sängerin dann erlaubt, die Registergrenzen einzuhalten und einen Funktionswechsel ohne Qualitätsverlust herzustellen.
Eine weitere Hilfe zur Stärkung der Muskelfunktionen ist die Kombination von Sprech-und Rufstimme, weil wir von der Tatsache ausgehen, daß unsere Rufstimme wiederum die obere Grenze der Mittelstimmfunktion darstellt. Deutlich wahrzunehmen ist aber der Unterschied zwischen Rufen und Schreien: letzteres kennzeichnet ja ein Kollabieren der Körperanbindung der Stimme.
Generell kann man den Unterschied zur klassischen Stimmgebung mit einer anderen Richtungswahrnehmung der Klangentfaltung beschreiben, die körperlich deutlich  wahrnehmbar ist.
Wird im klassischen Klang immer die nord-süd-Richtung mit Tiefstellung des Kehlkopfes angestrebt, verfolgt der Musicalklang immer die ost-west-Richtung, was die Breitspannung bedingt, die dann den Kehlkopf nicht so tief fallen lässt. Es ergibt sich eine hellere Stimmgebung, die der "erhobenen" Sprache nahe liegt, aber eine deutlichere Körperanbindung hat.
 
Alle meine Schülerinnen, die im belten geschult sind und damit erfolgreiche Auditions bestanden haben, sind auf der Basis der klassischen schwedisch-italienischen Technik trainiert worden. Sie haben gelernt, eine bedingungslose Rückenanbindung zu bauen und sind damit in der Lage, die Kehle offen zu halten, sodaß der ganze Körper die brustresonante Mittelstimme bis in die Höhe souverän halten kann.
Dies ist eine Voraussetzung, wenn die Anforderungen, die im Musicalbereich an eine Stimme gestellt werden, gesund, abrufbar und damit dauerhaft erfüllt werden sollen.
 
 
 
(c) Andreas Talarowski 2009                                           Foto: Iwona Kowalczyk